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Der Alte Bahnhof in Beckingen

Der Alte Bahnhof Beckingen wurde 1858 anlässlich des Baus der Bahnstrecke Saarbrücken-Merzig errichtet. Baugeschichtlich ist er der Kunstepoche der Neogotik, zuzuordnen. Dieser auf die „deutsche“ Gotik (1250-1500) und die englische Tudor-Gotik (1500-1600) zurückgreifende Baustil fand im Bereich der profanen Architektur bevorzugt beim Bau von Parlamenten, Rathäusern, Postämtern und im Wohnungsbau begüterter Bürger Anwendung. Bei der Errichtung von Bahngebäuden, die man in erster Linie als Zweckbauten verstand, spielte er dagegen eine eher geringere Rolle. Dafür war dieser Baustil zu aufwändig und dementsprechend teuer.

Von daher ist es recht verwunderlich, dass Mitte des 19. Jahrhunderts in Beckingen, einem zu dieser Zeit eher unbedeutenden Ort an der mittleren Saar, ein Bahnhof im Stil der Neogotik mit Elementen der Tudor-Gotik errichtet wurde. Bis zu seiner teilweisen Zerstörung 1944 galt das Bahngebäude in Beckingen als eines der ansehnlichsten und interessantesten an der Saarstrecke. Kein anderes Bahngebäude vergleichbarer Größe im Saarland wurde in einer ähnlich aufwändigen Bauweise errichtet.
 
 
Zur Erklärung dieser Ausnahmestellung des Beckinger Baus gibt es keine stichhaltig nachweisbaren Belege, sondern lediglich eine schlüssige Hypothese. Man kann mit einigem Recht annehmen, dass König Friedrich-Wilhelm IV. von Preußen (1840-1861), den man auch als „Romantiker auf dem Hohenzollernthron“ bezeichnet, durch entsprechende Anregungen Einfluss auf die Gestaltung des Bahngebäudes in Beckingen genommen hat. Friedrich-Wilhelm hatte den Ort und seine Umgebung bereits als Kronprinz und später als König besucht und wohl auch näher kennen gelernt.
 
Der ursprüngliche Zugang zum Eingang des Beckinger Stationsgebäudes führte von der Bahnhofstraße über eine in die Stützmauer eingebettete zweiarmige Treppenanlage zu dem höher gelegenen Bahnhofsvorplatz. Diese Treppe ist bis heute erhalten und nach ihrer Restaurierung einseitig wieder begehbar. Die Stützmauer trägt als oberen Abschluss eine Balustrade, bestehend aus einer Reihe niedriger rechteckiger Säulen, die durch eine Abdeckung aus Steinplatten miteinander verbunden sind.
 
Kennzeichnend für kleine Bahnempfangsgebäude im 19. Jahrhundert war ein symmetrischer Grundriss. Diese Norm gilt für das Beckinger Bahngebäude jedoch nicht, weil man hier die Form einer mittelalterlichen Burg gewählt hat. Das Bahngebäude wird von einem 20 Meter hohen Turm dominiert, der mit Fensteröffnungen in Form von Schießscharten und einem abschließenden Zinnenkranz an der Spitze versehen ist. Im obersten Stockwerk ist an den vier Außenmauern zudem jeweils eine runde Bahnhofsuhr angebracht.
 
Das dem Turm südöstlich angebaute zweigeschossige Gebäude besitzt auf Vorder- und Rückseite über dem Traufgesims, das durchgehend auf steinernen Konsolen aufgesetzt einen Mauervorsprung bildet, eine ebenfalls steinerne „Zahnreihe“ mit nach außen abgeschrägten Zinnen, die über die Dachtraufe hinausragen. Die Giebel des Gebäudes schließen ohne gerade verlaufende Kante in Form von Treppenstufen. Sie reichen über die Dachneigung hinaus und verdecken diese. Man nennt diese Giebelform auch Stufen- oder Staffelgiebel.
 
Das Bahngebäude besitzt auf der Vorder- und Rückseite rechteckige Einfach- und Zwillingsfenster mit Sohlbänken und Bügelverdachungen. Unter einer „Sohlbank“ versteht man die Außenfensterbank eines vertieft im Mauerwerk liegenden Fensters. Sie ist nach außen geneigt, um das Regenwasser vom Fenster abzuleiten. „Bügelverdachung“ bezeichnet einen Fensterabschluss an der Oberkante in Form steinerner Profilleisten, die noch ein kurzes Stück seitlich der Fensteröffnung nach unten gezogen sind. Dieses Dekorelement ist beispielhaft für die Tudorgotik und wurde von der deutschen Neogotik imitierend aufgegriffen.
 
Um 1890 wurde das Bahngebäude um zwei Achsen nach Südosten erweitert. Dieser Anbau hat das ursprüngliche Bild des Gebäudes zwar verändert, da man auf den gleichen Baustil zurückgriff, das Gesamtbild der Anlage jedoch kaum gestört.
 
 
Stilistisch besonders bemerkenswert sind vor allem die drei Zwillingsfenster im Erdgeschoss auf der Gleisseite des Gebäudes. Diese Fenster besitzen Tudorbögen, d.h. sehr flache Spitzbögen, und als oberen Abschluss ein steinernes Rahmenprofil, das waagerecht über jede Zweiergruppe geführt und beidseitig noch ein Stück nach unten gezogen wird. Diesen Fenstertyp finden wir zudem auf der Vorderseite des zweigeschossigen Gebäudeteils.
 
Auf einer Abbildung um 1910 ist am Eingang zum Bahngebäude von der Straßenseite her ein niedriger Anbau zu sehen, der vielleicht als „Windfang“ diente, heute jedoch verschwunden ist. An dieser Stelle befindet sich nun ein neuer, modern gestalteter Glasvorbau.
 
Im Spätherbst 1944 hatten sich die alliierten Streitkräfte an der linken Saarseite im Bereich zwischen Rehlingen, Eimersdorf und Fremersdorf festgesetzt und beschossen von dort aus Beckingen und das Haustadter Tal. Durch diesen Beschuss wurde auch das Beckinger Bahngebäude schwer beschädigt und der Turm völlig zerstört. Nach dem Krieg wurde das Gebäude selbst notdürftig wieder hergestellt, der Turm jedoch nicht wieder aufgebaut.
 
Nachdem bereits frühere Bemühungen, die sich den Erhalt und die Restaurierung des Bahnhofs zum Ziel gesetzt hatten, keine Fortschritte erzielen konnten, ergriff Erhard Seger nach seiner Amtsübernahme als Bürgermeister der Gemeinde Beckingen die Initiative. Es kam zu einer grundlegenden Neuausrichtung und Intensivierung der gemeindlichen Kulturpolitik, die erstmals auch von Amts wegen eine Instandsetzung und Neunutzung des historischen Bahnhofsensembles anstrebte und mit Engagement betrieb.
 
Die Gemeinde richtete einen formellen Antrag auf Eigentumsübertragung des Bahnhofsgebäudes an die Deutsche Bahn AG. Die saarländische Landesregierung stellte unter der Voraussetzung, dass ein annehmbares Nutzungskonzept des sanierten Bahngebäudes erstellt werde, finanzielle Zuschüsse in Aussicht. Die Gemeinde beauftragte daraufhin Ende 2004 das „Europäische Tourismus Institut“ (ETI) an der Universität Trier mit der Erstellung eines Gutachtens über eine mögliche touristische Nutzung des Bahnhofsareals.
 
Nachdem der Beckinger Gemeinderat im April 2008 einstimmig beschlossen hatte, das historische Bahngebäude mit anliegendem Gelände von der Deutschen Bahn AG zu einem symbolischen Preis von 1 € zu erwerben, erfolgte mit der Grundsteinlegung im Mai 2009 schließlich der lang ersehnte Startschuss für die Restaurierung des Bahnhofsgebäudes. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass auch in der Folgezeit alle mit der Restaurierung des Bahnhofs zusammenhängenden Beschlüsse im Gemeinderat einstimmig gefasst wurden.
 
Geplant und durchgeführt wurden die Um- und Ausbaumaßnahmen von dem Architekten Calogero Cascino aus Wallerfangen. Sein Büro arbeitete hierbei eng mit dem Landesdenkmalamt des Saarlandes in Person von Dr. Rupert Schreiber zusammen und stimmte alle Maßnahmen mit diesem ab.
 
Nach der Entkernung des Gebäudes wurde dessen ursprüngliche Raumaufteilung im Erd- und Obergeschoss der neuen Nutzung entsprechend verändert. Im Erdgeschoss ist nun neben der Tourist-Info der Gemeinde auch ein großer Ausstellungs- und Vortragsraum als Info-Zentrum des „Zweckverbandes Naturschutzgebiet Wolferskopf“ untergebracht. Dem Zweckverband kam als Mitträger des Projekts eine Schlüsselfunktion bei der Sanierung zu. Im Obergeschoss bietet der dort vorhandene Raum die Möglichkeit, kleinere Kunst- und Kulturveranstaltungen sowie Vorträge und Seminare abzuhalten. Dieser Raum dient der Gemeinde zudem auch als repräsentatives Trauzimmer.
 
 
Die bauliche Rekonstruktion des Bahngebäudes begann mit dem Wiederaufbau des Turmes und der Sanierung der durch Witterungseinflüsse und Kriegseinwirkung stark beschädigten Sandsteinfassade. Diese beiden Bauabschnitte waren Mitte 2012 weitestgehend beendet. Die Außenarbeiten am und um den Alten Bahnhof zogen sich allerdings, wie auch verschiedene Innenarbeiten, etwas mehr in die Länge, was die Restaurierung der Sandsteinstützmauer betrifft, sogar bis in den Februar 2014 hinein. Obwohl die Restaurierungsarbeiten im Außenbereich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen waren, fand bereits am 8. Juni 2013 die offizielle Eröffnung des „neuen“ Bahnhofs in Anwesenheit von Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur sowie zahlreicher Bürger statt.
 
Zum Schluss noch ein Wort zu den Kosten: Zu den etwa 2,2 Mio. € Gesamtkosten der Maßnahme gewährte die saarländische Landesregierung Fördermittel in Höhe von 1,15 Mio. €. Der Zweckverband Wolferskopf beteiligte sich mit 150.000 € als im Voraus gezahlte Miete. Für die Gemeinde Beckingen verblieben somit noch rd. 900.000 € zu finanzieren.